TOP MOUNTAIN TOURS REISEMAGAZIN – Ausgabe # 8
Liebe Bergfreunde, in diesem Jahr dürfen wir Ihnen ein Heft präsentieren, das in besonderer Weise Tradition und Auf...
Eingebettet zwischen Nepal, China und Bhutan, am Fuße des mächtigen Himalaya, liegt das verborgene Juwel Sikkim. Über allem thronen schneebedeckte Achttausender, während bunte Gebetsfahnen ihre Segenswünsche in den Wind flüstern. Obwohl Sikkim mit nur 600.000 Einwohnern zu den kleinsten Bundesstaaten Indiens zählt, eröffnet sich hier eine Welt von einzigartiger kultureller Tiefe und unberührter Natur. Es ist ein Ort der Kontraste und Entdeckungen – ein Paradies für all jene, die das authentische Abenteuer fernab ausgetretener Pfade suchen.
Unsere beeindruckende Reise in den Norden Indiens begann mit Flügen nach Delhi und Bagdogra und führte uns über Darjeeling in Westbengalen, dem Ausgangspunkt für die Weiterreise nach Sikkim.

Darjeeling liegt auf 2000 m Seehöhe und ist vor allem für den weltberühmten Tee bekannt, der an den umliegenden Hängen angebaut wird. Um uns für unsere bevorstehende Trekking-Tour im Himalaya zu akklimatisieren, wanderten wir durch die weitläufigen Plantagen und ließen den Ausflug natürlich bei einer Tee-Pause ausklingen. Auf dem Rückweg in die Stadt eröffnete sich uns eine ganz besondere Kulisse: ein eindrucksvoller Blick auf den Kangchendzönga, den mit 8.586 Metern dritthöchsten Berg der Welt nach dem Mount Everest und dem K2.
Ein weiteres Highlight ist die Darjeeling Himalayan Railway, eine 1881 eröffnete Bahnstrecke zwischen Shiliguri und Darjeeling. Wegen ihrer extrem schmalen Spurbreite von nur 61 cm wird sie auch liebevoll „Toy Train“ (Spielzeugeisenbahn) genannt. Dieser Name täuscht jedoch, denn bei den eingesetzten Loks handelt es sich um alles andere als Spielzeug: Tagtäglich kämpfen sich alte britische Dampfloks aus der Kolonialzeit mit viel Lärm und Rauch die steilen Berge hoch. Wir genossen dieses historische Flair bei einer kurzen Fahrt auf einem Teilstück innerhalb Darjeelings.
Nachdem wir uns am letzten Morgen den Sonnenaufgang auf dem berühmten Tiger Hill zwischen hunderten indischen Touristen nicht entgehen ließen, führte uns unsere Reise weiter nach Gangtok, der Hauptstadt Sikkims. Gangtok zeigte ein ganz anderes Gesicht Indiens als das in die Jahre gekommene Darjeeling. Die Stadt ist buddhistisch geprägt und zeichnet sich durch saubere Straßen, blumengeschmückte Vorgärten und Balkone sowie eine deutlich ruhigere Atmosphäre aus. Von der kleinen Stadt an den Hängen des Vorhimalayas machten wir uns zu Fuß auf Erkundungstour. Diese führte uns zu schönen Aussichtspunkten sowie zu mehreren Tempeln und Klöstern, in denen reges Treiben herrschte. Buddhistische Tradition prägt hier das gesamte gesellschaftliche Dasein.
Obwohl wir die ruhige Atmosphäre der Stadt sehr genossen, zog es uns voller Vorfreude weiter nach Yuksom, dem Ausgangspunkt für unsere bevorstehende Trekkingtour in dem Kangchendzönga-Nationalpark. Yuksom, ein weitläufiges Dorf und einst erste Hauptstadt Sikkims, liegt auf üppig bewachsenen Hängen, die mit einer Vielzahl von blühenden Pflanzen wie Orchideen, Heilkräutern und Obstbäumen bewachsen sind. Dipesh, unser Guide, der uns die gesamte Reise begleitete, stammt vom ursprünglichen Volk der Lepcha und verfügt über ein unglaublich großes Wissen über die Nutzung und Wirkung der Pflanzen und Bäume, was uns sehr beeindruckte.
Noch einmal in einem bequemen Bett schlafen – dann war es so weit. Kurz vor Antritt unserer Tour lernten wir unsere Begleiter kennen: den Horse Man mit seinen vier Pferden und den Koch mit Helfer. Wir bepackten die Tragtiere, sodass wir nur unsere Tagesrucksäcke zu tragen hatten und starteten los.

Der Weg führte uns durch dichte Wälder in das Rathong-Tal. Wir genossen es, zu wandern, die Natur auf uns wirken zu lassen, uns für die Stimmen des Waldes zu öffnen und uns beinahe zeitlos zu bewegen. Immer wieder holte Dipesh ein unscheinbares Pflänzchen hervor, rieb daran und ließ uns daran kauen oder riechen. Wir begannen nun endgültig unseren Alltag hinter uns zu lassen!
Nach einigen Stunden wurde der Weg steiler und wir gewannen an Höhe. Der Wald lichtete sich allmählich und ging in einen natürlichen Garten aus Mischwald mit Magnolien, Rhododendren, Orchideen und Farnen über. Eine gemütliche Pause mit heißer Suppe, die unser Koch bereits am Morgen zubereitet hatte, stärkte uns für die restliche Etappe. Nach 17 km und 1500 Höhenmetern erreichten wir Bakhim (3100 m), unser Nachtlager. Nach einem köstlichen Abendessen, welches unter freiem Himmel für uns gezaubert wurde, krochen wir in der lauen Abendluft müde in unsere Zelte.
Obwohl wir keine Campingfreaks sind, erwachten wir am nächsten Morgen glücklich und gut ausgeschlafen, voller Vorfreude auf den kommenden Tag. Während unser Pferdeführer schon die Tiere für den Aufbruch belud, wurden wir mit einem reichhaltigen Frühstück samt Eierspeise verwöhnt. Besser hätte der Tag nicht starten können – wir fühlten uns für alles gerüstet.
Unser Tagesziel war Dzongiri, das auf knapp über 4000 m Höhe liegt. Mit zunehmender Höhe wurde die Vegetation karger, bis sie schließlich ganz verschwand und in friedliche Wiesenhänge überging. Die Luft wurde kälter und rauer, also holten wir allmählich unsere Winterkleidung hervor – wir hatten schließlich November. Immer wieder erinnerten uns kleine gemauerte Schreine an den gelebten Buddhismus; versteckte Feuerschälchen und Figuren hinter Felsen und Nischen weckten unser Entdeckerherz. Yaks zogen talwärts an uns vorüber und abgesehen von uns war keine Menschenseele zu sehen. Kalter Nebel stieg aus dem Tiefland herauf. Das wärmende Abendessen mit heißer Suppe und einem schmackhaften Eintopf tat uns sichtlich gut.
Die Nacht im Zelt wurde kalt und wir waren froh über unsere wärmenden Daunenjacken und Schlafsäcke. Ein zentimeterdicker Reifmantel überzog die Landschaft, als wir am nächsten Morgen aus unseren Zelten krochen. Noch in der Dämmerung brachen wir zu unserem „Frühsport“ auf – der Besteigung des Dzongri La auf 4550 m. Oben belohnte uns ein spektakulärer Sonnenaufgang, der die von Gletschern gesäumte Himalayakette in ein glitzerndes Wunderland verwandelte. Völlig überwältigt von diesem Panorama vergaßen wir Zeit und Hunger, bis uns im Lager der Duft von frischem Frühstück empfing.
Nach unserer morgendlichen Stärkung nahmen wir Kurs auf Lamune. Der Weg führte uns zunächst bergab und dann in ein weiteres Hochtal hinein. Dabei kamen wir den weißen Riesen immer näher und wanderten am Mt. Pandim vorbei, dessen gewaltige Gletscher bis auf über 6500 m hinaufreichen. Mit dem Teleskop konnten wir sogar eine Expedition beobachten.
Unser letztes Lager auf 4100 m erreichten wir am Nachmittag – die letzte Station vor dem nächtlichen Aufbruch zum Goecha La. Die Kälte der Nacht kroch uns tief in die Knochen, und wir waren dankbar für jede Bewegung, die uns wieder aufwärmte. Doch unser Frieren war nichts im Vergleich zur unglaublichen Härte unserer Begleiter: Der Pferdeführer trug seit Tagen nichts als dünne, goldene Gummistiefel ohne Socken, der Koch schlurfte barfuß in Flip-Flops durch den gefrorenen Boden und Dipesh trug noch immer dieselbe dünne Kleidung wie im warmen Tiefland. Und das bei Temperaturen weit unter null. Wir wären an ihrer Stelle erfroren!

Noch in der Dunkelheit brachen wir auf, dem Kangchendzönga entgegen. Als die erste Dämmerung im Osten heraufzog, begann ein Lichterschauspiel, das uns in Staunen versetzte. Glühende Wolken stiegen wie Feuer über die weißen Riesen auf, als ob die Berge brennen würden. Minütlich änderte sich das Farbenspiel und tauchte die Welt in eine neue Stimmung. Ehrfurcht packte uns angesichts der Schönheit, Mächtigkeit und Größe. Genau in dem Moment, als die ersten Sonnenstrahlen auch uns berührten, standen wir auf dem Gipfel des Goecha La auf 4940 m, umgeben von achttausend Meter hohen, weißen Giganten. Nach Tiroler Tradition gönnten wir uns ein „Gipfel-Schnapserl“.
Glücklich und überwältigt von den Eindrücken traten wir den Rückweg an. Wir waren ganz still, um das Erlebte in uns nachwirken zu lassen. Vor unserem Aufbruch zurück in Richtung Yuksom genossen wir in der wärmenden Sonne noch ein spätes Frühstück im Lager.
Eine etwas kürzere Route führte uns wieder in wärmere Zonen. Nach über drei Tagesmärschen und zwei Nächten im Zelt tauchten wir wieder in die dichten Wälder des Vorlandes ein. Mit einem vorzüglichen Abendessen, bei dem es sogar eine Torte gab, verabschiedeten wir uns dankbar von unseren Helfern, Begleitern und den braven Pferden. Zum Abschluss des Tages wartete die größte Belohnung auf uns: ein warmes, weiches Bett. Wir waren überglücklich.
Die nächsten Tage waren wir mit dem Auto unterwegs, um noch weitere Eindrücke von Sikkim zu sammeln. Wir besuchten mehrere Klöster in der Umgebung von Pelling, wanderten zum heiligen See Khecheopalri, bestaunten Wasserfälle und beobachteten das Leben dieses fleißigen Volkes, das es schafft, sein Land natürlich und sauber zu halten.
Wir verließen diesen Teil Indiens sehr bewegt und glücklich, denn wir haben gesehen, dass es noch solche Oasen auf der Erde gibt. Hier wird der Naturschutz als höchstes Gut angesehen, und wir hoffen, dass diese Region ein Vorbild für andere schützenswerte Gebiete sein wird.
Es liegt auch an uns Touristen, dafür zu sorgen, dass dies so bleibt!
Artikel & Fotos: Anna Edenstrasser
TOP MOUNTAIN TOURS Homepage | Impressum | Magazin als Druckausgabe bestellen | Newsletter bestellen