TOP MOUNTAIN TOURS REISEMAGAZIN – Ausgabe # 9
Liebe Bergfreunde, Reisen bedeutet für mich weit mehr, als von einem Ort zum anderen zu gelangen. Es bedeutet, Gewoh...
Du bist seit vielen Jahren als Reiseleiterin in Ostgrönland unterwegs. Wie lange inzwischen – und erinnerst Du Dich noch an Deine erste Begegnung?
Ich reise seit 22 Jahren nach Ostgrönland und habe inzwischen rund 35 Reisen dort geführt. Meine erste Reise war über Weihnachten 2004. Entgegen meiner damaligen Vorstellung war es dort im Dezember keineswegs einfach nur dunkel. Die Sonne steigt zwar nicht über die Berge, aber über Stunden liegt die Landschaft in einer wunderschönen Dämmerung – Pastellfarben, Rosa, Hellblau und Gelb. Was mich vom ersten Moment an beeindruckt hat, war die Herzlichkeit der Menschen. Diese Zufriedenheit und Lebensfreude empfand ich als unglaublich ansteckend.
An Weihnachten wurden wir von einem Jäger zum Kaffee eingeladen. Wir hatten kein Geschenk dabei – also habe ich mit meiner Frauengruppe Origami-Sterne gefaltet. Es war ein Volltreffer. Dass wir etwas selbst gemacht hatten, war für die beiden viel wertvoller als irgendein gekaufter Gegenstand.

Ostgrönland vermittelt sehr schnell das Gefühl, dass der Mensch hier nicht das Maß aller Dinge ist. Was bedeutet es für Dich, in einer Natur unterwegs zu sein, die sich nicht beherrschen lässt?
Das Wetter, die Eislage, die Wellen und der Wind bestimmen, was geht. Wir müssen uns den Gegebenheiten anpassen – nicht umgekehrt. Hier lernt man eine ganz andere Rangordnung: Gegen die Natur sind wir eindeutig die Schwächeren. Als Reiseleiterin habe ich natürlich immer einen Plan. Aber meinen Gästen sage ich inzwischen: Zwischen meinem Plan A und dem, was wir am Ende tatsächlich machen, können durchaus noch Plan F oder G liegen. Einmal sind wir tatsächlich bei Plan Z angekommen – unvergesslich, aber das müssen wir nicht unbedingt noch einmal wiederholen!
Du hast die Region über mehr als zwei Jahrzehnte erlebt. Was hat sich verändert?
Sehr viel. Besonders deutlich sehe ich es beim Eis. An Orten, die ich seit vielen Jahren kenne, ist der Rückgang erschreckend. Auch das Leben der Menschen verändert sich: Früher sah man an vielen Häusern Fisch und Robbenfleisch zum Trocknen hängen – heute gibt es in Tasiilaq gut sortierte Supermärkte. Trotzdem bestimmen die geografischen Bedingungen das Leben bis heute. In der Ammassalik-Region gibt es keine Straßen zwischen den Siedlungen. Von einem Ort zum anderen kommt man mit dem Boot oder Hubschrauber – deshalb bleiben Wetter und Natur ein entscheidender Teil des Alltags.

Was fasziniert Dich an den Menschen in Ostgrönland? Und können wir Europäer etwas von ihnen lernen?
Sehr viel! Die Menschen leben täglich mit unerwarteten Ereignissen und bleiben dabei erstaunlich flexibel, freundlich und humorvoll. Ich glaube, wir Europäer könnten von dieser Gelassenheit einiges lernen. Die entscheidende Frage ist: Was ist JETZT meine Herausforderung, und wie kann ich diese Situation JETZT am besten bewältigen? Eigentlich ist es wie beim Bergsteigen: Schritt für Schritt.
Gibt es nach 35 Reisen überhaupt noch Momente, in denen Dich Ostgrönland überrascht?
Immer wieder. Ich erinnere mich an eine Bootsfahrt entlang einer Eiskante. Unser Bootsführer, ein älterer und sehr erfahrener Jäger, entdeckte plötzlich eine besondere Formation im Eis. Seine Augen leuchteten. Er hatte in seinem Leben vermutlich Millionen Eisberge gesehen – und konnte sich trotzdem noch für dieses eine Bild begeistern. Das Bild hängt seit Jahren in meinem Büro. 35 Reisen, und jede war anders.

Und wem würdest Du Ostgrönland ans Herz legen?
Wer nach Ostgrönland reist, sollte vor allem eine große Portion Flexibilität mitbringen. Wer Luxus und absolute Planbarkeit sucht, findet dafür geeignetere Reiseziele. Wer sich aber auf etwas wirklich Besonderes einlassen möchte: Ja! Ostgrönland ist nicht luxuriös. Es kann unbequem und absolut unberechenbar sein. Aber genau deshalb weckt es Gefühle, die man an vielen anderen Orten kaum noch erlebt. Und es gibt einen Nachteil: Es kann tatsächlich süchtig machen. 2027 freue ich mich erneut auf Ostgrönland. Offenbar habe ich den „Grönland-Virus“ nach 22 Jahren immer noch nicht überwunden.
TOP MOUNTAIN TOURS Homepage | Impressum | Magazin als Druckausgabe bestellen | Newsletter bestellen