ÜBERSICHT

Bosnien &

Herzegowina

Unterwegs zwischen Orient und Okzident

Stefan Härter

Der Balkan

Mit dem allmählichen Machtverlust des Osmanischen Reiches wurde der Balkan im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer der politisch bedeutendsten Regionen Europas.

Österreich-Ungarn wollte seinen Einfluss nach Südosten ausdehnen. Russland verstand sich als Schutzmacht slawischer und orthodoxer Völker. Das Osmanische Reich versuchte, seinen verbliebenen Einfluss zu bewahren. Gleichzeitig entstanden neue Nationalstaaten mit eigenen Interessen.

Ethnische, religiöse und nationale Identitäten überschnitten sich – und die Interessen der europäischen Großmächte ebenso. Bosnien befand sich mitten in diesem Spannungsfeld. Der später viel verwendete Begriff vom „Pulverfass Balkan“ kommt nicht von ungefähr.

Vielleicht erklärt diese Geschichte auch, warum der Begriff „Balkan“ bis heute mit so vielen Vorstellungen aufgeladen ist. Aus einer ursprünglich geografischen Bezeichnung wurde irgendwann fast ein Synonym für eine ganze, vermeintlich schwer zu verstehende Region.

Das Wort „Balkan“ wird vielfältig verwendet – wir sprechen von Balkanreisen, Balkanküche oder der Balkanhalbinsel. Doch woher kommt der Begriff eigentlich?

Das Wort Balkan stammt aus dem Türkischen und bedeutet sinngemäß „Gebirge“ oder „bewaldetes Gebirge“. Ursprünglich bezeichnete es vor allem das Balkangebirge im heutigen Bulgarien. Erst später wurde daraus die Bezeichnung für eine ganze Region im Südosten Europas. Erstaunlich passend für uns als Bergreiseveranstalter …

Bosnien und Herzegowina ist eines der Länder dieser Region – und für uns ein besonders spannendes. Denn hier sind die Berge weit mehr als landschaftliche Kulisse. Über Jahrhunderte erschwerten mächtige Gebirgszüge den Austausch zwischen einzelnen Tälern und Regionen.

Gleichzeitig wurden Flusstäler und Pässe zu wichtigen natürlichen Verbindungen, über die Händler, Reisende und ganze Reiche ihren Weg durch das Land fanden. In abgelegenen Tälern konnten sich eigene Traditionen bewahren, während an den großen Verbindungswegen unterschiedliche Religionen und Kulturen aufeinandertrafen. Vieles davon ist bis heute sichtbar.

Schon der Name Bosnien und Herzegowina erzählt etwas über dieses Land. Bosnien und Herzegowina sind keine zwei Staaten und auch keine heutigen politischen Verwaltungseinheiten, sondern zwei historisch gewachsene Landschaften. Bosnien ist der deutlich größere Teil im Norden und in der Mitte des Landes. Hier liegt auch die Hauptstadt Sarajevo. Herzegowina schließt sich im Süden an und reicht mit einem schmalen Küstenstreifen sogar bis an die Adria.

Eine scharf gezogene Grenze zwischen beiden sucht man auf der Landkarte vergeblich. Viel spannender ist ohnehin, dass man den Übergang auf einer Reise erleben kann.

Wer von Sarajevo nach Süden fährt, folgt bald der Neretva und gelangt in eine Landschaft, die zunehmend von Kalk, Karst und den Bergen der Dinariden geprägt wird. Die Vegetation verändert sich, das Licht wird mediterraner – und schließlich erreicht man Mostar, das historische und kulturelle Zentrum der Herzegowina. Und genau hier, rund um Sarajevo und Mostar, sind auch wir unterwegs.

Unsere Reisen verbinden die beiden Städte mit einigen der ursprünglichsten Berglandschaften des Landes – vom Sutjeska-Nationalpark über das Prenj-Gebirge bis zur Čvrsnica. Damit wird der etwas sperrige Landesname plötzlich erstaunlich anschaulich:

Wir reisen durch Bosnien – und weiter hinein in die Herzegowina. Von Sarajevo über einsame Berge bis nach Mostar.

Sarajevo –
Orient und Okzident

Über vier Jahrhunderte gehörte Bosnien zum Osmanischen Reich. 1878 kam Bosnien und Herzegowina unter österreichisch-ungarische Verwaltung, 1908 folgte die formelle Annexion.

Auf dem Papier sind das Jahreszahlen. Auf einer Reise durch Bosnien werden sie plötzlich lebendig. Architektur verändert sich. Kirchtürme und Minarette bestimmen gemeinsam das Stadtbild. Küche, Sprache und Lebensweise erzählen von unterschiedlichen Einflüssen.

Bei meinem Besuch in Sarajevo kam mir ziemlich schnell der Gedanke: Klein-Wien und Klein-Istanbul in einer Stadt.

Auf der einen Seite mehrgeschossige Fassaden aus der Zeit Österreich-Ungarns, breite Straßen, Kaffeehäuser und repräsentative Gebäude. Das Stadtbild erinnert stellenweise verblüffend an Wien und andere Städte der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Dann geht man nur wenige Schritte weiter – und die Szenerie wechselt.

Die Häuser sind niedriger, die Gassen enger. Kleine Geschäfte und Werkstätten säumen den Weg, bosnischer Kaffee wird aus der dafür typischen Kanne serviert und über den Dächern stehen die Minarette der Baščaršija aus dem 15. Jahrhundert, dem ältesten Teil der bosnischen Hauptstadt.

Die unterschiedlichen Epochen dieser Stadt sind hier nicht nur Geschichte – sie sind unmittelbar erlebbar. Genau das macht einen Spaziergang durch Sarajevo so stimmungsvoll.

Doch Sarajevo nur als Begegnung zwischen Osmanischem Reich und Habsburgermonarchie zu beschreiben, würde der Stadt nicht gerecht.

Hier treffen Orient und Okzident tatsächlich aufeinander – und zugleich ist Sarajevo noch viel mehr als das. Nicht umsonst trägt die Stadt den Beinamen „Europäisches Jerusalem“. Seit Jahrhunderten leben hier unterschiedliche Religionen und Kulturen auf erstaunlich engem Raum zusammen. Moscheen, katholische und orthodoxe Kirchen sowie Synagogen gehören zum Stadtbild. An wenigen Orten Europas lässt sich das Nebeneinander und Ineinandergreifen von Islam, Christentum und Judentum so unmittelbar erleben.

Auch die jüdische Geschichte Sarajevos reicht weit zurück. Nachdem sephardische Juden Ende des 15. Jahrhunderts von der Iberischen Halbinsel vertrieben worden waren, fanden viele im Osmanischen Reich eine neue Heimat. In Sarajevo entstand eine bedeutende jüdische Gemeinde.

Vielleicht ist es gerade das, was Reisen leisten kann, wenn wir uns dafür Zeit nehmen: Zusammenhänge, die wir aus Büchern kennen, bekommen plötzlich Orte, Gerüche, Geräusche und Gesichter.

Und Sarajevos Geschichte endet natürlich nicht mit Osmanen und Habsburgern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt Teil des sozialistischen Jugoslawiens. Neue Wohnviertel und eine ganz andere Architektur veränderten das Stadtbild. Gleichzeitig entwickelte sich Sarajevo zu einer modernen und multikulturellen Großstadt. Einen Höhepunkt dieser Epoche markieren die Olympischen Winterspiele von 1984, als Sarajevo für einige Wochen im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit stand.

Nur wenige Jahre später begann eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte. Während des Bosnienkrieges wurde Sarajevo von 1992 bis 1996 fast vier Jahre lang belagert. Auch diese Geschichte ist in der Stadt wie auch im gesamten Land bis heute präsent.

Und noch eine andere Wegmarke europäischer Geschichte liegt nur wenige Schritte von der Altstadt entfernt.

An der Lateinerbrücke über der Miljacka wurden am 28. Juni 1914 in unmittelbarer Nähe der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie ermordet. Das Attentat setzte jene Ereigniskette in Gang, die schließlich in den Ersten Weltkrieg führte.

Osmanisches Reich, Habsburgermonarchie, jüdisches Leben, Jugoslawien, Krieg und Wiederaufbau – in Sarajevo liegen die Schichten europäischer Geschichte ungewöhnlich dicht beieinander.

Man kann sie nicht alle in wenigen Stunden verstehen. Aber man kann durch sie hindurchgehen. Und genau das macht diese Stadt für mich so faszinierend.

Unterwegs in
den einsamen
Bergen

Neben dieser hochinteressanten Geschichte und der Möglichkeit, in eine faszinierende Kultur einzutauchen, bietet Bosnien und Herzegowina etwas, das für uns mindestens genauso wichtig ist: ursprüngliche Natur und einsame Gebirge.

Die Dinarischen Alpen ziehen sich durch weite Teile des Landes: schroffe Kalkgipfel, tiefe Schluchten, klare Bergseen, ausgedehnte Wälder und einsame Hochtäler. Dazwischen liegen kleine Dörfer und einfache Berghütten – und immer wieder Landschaften, in denen man stundenlang unterwegs sein kann, ohne vielen anderen Menschen zu begegnen.

Im Sutjeska-Nationalpark liegt mit Perućica eines der letzten ursprünglichen Urwaldgebiete Europas. Darüber erhebt sich der Maglić (2.386 m), der höchste Berg Bosnien und Herzegowinas.

Weiter westlich wartet das wilde Prenj-Gebirge mit seinen zerklüfteten Kalkbergen, tief eingeschnittenen Tälern und Gipfeln wie Zelena Glava und Otiš. Noch einmal einen anderen Charakter besitzt das Čvrsnica-Massiv mit seinen weiten Karstlandschaften und dem spektakulären natürlichen Felsentor Hajdučka Vrata.

Abseits der Städte begegnet man einem anderen Bosnien und Herzegowina. In kleinen Bergdörfern und abgelegenen Tälern ist das Leben vielerorts noch eng mit der Natur und den Jahreszeiten verbunden. Landwirtschaft, Viehhaltung und überlieferte Traditionen prägen manche dieser Regionen bis heute. Das Leben in den Bergen war und ist nicht immer einfach. Gerade deshalb sind es oft die Begegnungen unterwegs, die in Erinnerung bleiben: ein Gespräch mit einem Einheimischen, eine Einladung auf einen Kaffee oder ein Einblick in einen Alltag, der sich von unserem deutlich unterscheidet.

Es ist dieses einfache und schöne Draußensein, das für uns den besonderen Reiz solcher Reisen ausmacht: Morgens den Rucksack schultern. Die letzten Häuser hinter sich lassen. Langsam an Höhe gewinnen. Irgendwann wird es stiller. Vielleicht begegnet man stundenlang niemandem. Am Abend erreicht man eine einfache Berghütte, trägt einen Teil der Lebensmittel selbst hinauf und sitzt gemeinsam am Tisch.

Kein großer Komfort. Dafür Zeit an der frischen Luft, in wunderbarer Natur – und die Freiheit, mit erstaunlich wenig auszukommen.

Eine Reise durch diese Berge muss keineswegs bedeuten, jeden Tag zehn Stunden unterwegs zu sein oder jeden Gipfel mitzunehmen. Unsere Touren sind eine Grundlage, die wir an Erfahrung, Kondition und persönliche Wünsche anpassen können.

Wer lange und anspruchsvolle Bergtage sucht, findet sie am Maglić, im Prenj und in der Čvrsnica. Wer mehr Zeit zum Schauen, Fotografieren und Genießen haben möchte, wählt kürzere Etappen, leichtere Wanderungen oder verbindet einzelne Bergtage stärker mit Kultur und Begegnungen.

Gerne stellen wir auch individuelle Reisen entsprechend der eigenen Leistungsfähigkeit und den persönlichen Interessen zusammen.

Mostar –
mehr als eine
berühmte Brücke

Nachdem wir am dritten Tag im Optimalfall den Maglić bestiegen haben, führt unsere Reise weiter in Richtung Westen nach Mostar.

Die spürbare Geschichte Sarajevos hat mich fasziniert. Der Charme Mostars hat mich begeistert.

Schon die Lage ist außergewöhnlich. Die Neretva zieht mit ihrem grünlich schimmernden Wasser durch die Stadt, dahinter steigen die kahlen Berge der Herzegowina auf. Und dann steht man vor der berühmten Brücke Stari Most.

Natürlich kennt man die Bilder vorher. Aber manche Orte muss man erlebt haben. Mostar gehört für mich dazu.

Die engen gepflasterten Gassen, alten Steinhäuser, kleinen Restaurants und Cafés, die Minarette und das markante Gipfelkreuz auf dem Hum, dazu der Fluss und die umliegenden Berge – all das schafft eine Atmosphäre, die weit über die berühmte Brücke hinausgeht.

Gerade am Abend, wenn das Licht weicher wird und sich die Gassen mit Leben füllen, entfaltet die Altstadt ihren besonderen Charakter. Vom Charme und Ambiente gehört Mostar für mich zu den stimmungsvollsten Städten, die ich bisher besucht habe.

Die Stari Most selbst erzählt dabei viel von diesem Land. Im 16. Jahrhundert errichtet, wurde sie im Bosnienkrieg 1993 zerstört und später wiederaufgebaut. Heute verbindet sie wieder die beiden Seiten der Altstadt. Und natürlich gehört auch die jüngere Geschichte zu Bosnien und Herzegowina.

Was von einer
Reise bleibt

Es ist die Mischung aus Kultur und Natur, die Bosnien und Herzegowina für uns so interessant macht.

Am einen Tag wandert man durch einsame Kalkberge. Wenig später sitzt man in Sarajevo bei einem Kaffee oder blickt am Abend in Mostar von einer Terrasse auf die Kulisse der Altstadt.

Und dann kommt noch ein weiteres Mosaikstück hinzu: die Küche. Herzhaft, bodenständig und geprägt von genau jenen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, denen wir auf der ganzen Reise begegnen. Gemeinsam essen, draußen sitzen und die regionale Küche kennenlernen – auch das gehört zum Reisen und zum Kennenlernen eines Landes.

Vielleicht ist es gerade diese Verbindung, die Bosnien und Herzegowina so reizvoll macht: Geschichte und Gegenwart, Orient und Okzident, einsame Berge und lebendige Städte, Bewegung und Genuss.

Und all das liegt erstaunlich nah vor unserer Haustür.

Stefan Härter
Oktober 2026
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