TOP MOUNTAIN TOURS REISEMAGAZIN – Ausgabe # 9
Liebe Bergfreunde, Reisen bedeutet für mich weit mehr, als von einem Ort zum anderen zu gelangen. Es bedeutet, Gewoh...
Wie geht es dir und deiner Familie?
Grundsätzlich sehr gut. Wir sind nach wie vor mit viel Freude und Leidenschaft in den Bergen unterwegs. Die extreme Hitze und ihre Auswirkungen im Gebirge waren für mich diesen Sommer allerdings belastend. Und dann hat uns noch ein kleines Tierchen gefordert: Unsere Tochter hat vermutlich von einem Yoga-Retreat Bettwanzen mitgebracht. Zwei Tage lang haben wir geputzt, Wäsche gewaschen und Kleidung eingefroren. Zum Glück fand der Kammerjäger keinerlei Hinweise auf Bettwanzen.

Du hast erzählt, dass die Wasserversorgung auf Berghütten inzwischen teilweise so schwierig ist, dass Wasser mit dem Hubschrauber hinaufgebracht werden muss. Wie ernst ist die Situation?
In meinen Augen ernster, als viele Menschen denken. Den ganzen Frühling und Sommer gab es Meldungen über Unwetter, Felsstürze und Waldbrände. Zerstörerische Muren wie jene in Sölden und Vent, die ich selbst gesehen habe, machten mich sprachlos und traurig.
Die Alpen verändern sich gerade unfassbar schnell. Natürlich müssen wir lernen, mit diesen Veränderungen umzugehen. Aber alte, uns lieb gewordene Strukturen mit allen technischen und finanziellen Mitteln um jeden Preis am Laufen zu halten, ergibt für mich nicht immer Sinn. Wenn Wasser nur noch mit erheblichem Aufwand herangeschafft werden kann, müssen wir auch den ökologischen Fußabdruck und den tatsächlichen Nutzen hinterfragen.

Du beobachtest die Gletscher seit vielen Jahren als Bergsteiger und Fotograf. Was verändert sich dadurch für das klassische Bergsteigen?
Die Gletscher haben enorm an Fläche und Dicke verloren. Vielen Bergen, Hängen und Felswänden fehlt dadurch der stabilisierende Gegendruck. Steinschläge und Felsstürze sind unmittelbare Folgen. Auch klassische Normalwege werden anspruchsvoller, etwa durch den Rückgang des Höllentalferners an der Zugspitze.
Die Bedingungen werden schwieriger und gefährlicher. Umso wichtiger sind Erfahrung und fundiertes Wissen. Wer im Hochgebirge einfach einem grünen Pünktchen auf einer App folgt, ohne Wetter, Gelände und Routenwahl selbst beurteilen zu können, gerät zunehmend an seine Grenzen.

Müssen wir akzeptieren, dass manche klassischen Touren künftig nur noch in kurzen Zeitfenstern oder gar nicht mehr möglich sein werden?
Das ist bereits diesen Sommer der Fall gewesen und wird zur neuen Normalität werden. An hochalpinen Zielen verändern sich die Bedingungen teilweise so stark, dass bestimmte Touren zeitweise nicht mehr verantwortbar sind.
Entscheidend sind Erfahrung, Wissen und eine über Jahre gewachsene Intuition. Wer achtsam und flexibel unterwegs ist und im Zweifelsfall defensiv entscheidet, wird auch weiterhin großartige Touren machen können.

Die Veränderungen in den Bergen sind Teil einer globalen Entwicklung. Gleichzeitig nehmen politische Konflikte und internationale Spannungen zu. Wie sollen wir Herausforderungen wie Klimawandel und Wasserknappheit gemeinsam lösen?
Soll ich ehrlich oder nett sein? Dann ehrlich: Solange die Zukunft einer Gesellschaft weiterhin über Wachstum und Rendite, über Erfolg und ein „schneller, höher, weiter“ definiert wird, werden wir unser System an die Wand fahren. Die Frage ist nicht „ob“, sondern nur „wann“.
An internationaler Zusammenarbeit führt kein Weg vorbei. China und Indien allein haben zusammen fast drei Milliarden Einwohner. Dazu kommen die USA, Russland und viele weitere Länder. Wenn wir bei Klima, Ressourcen und Wasserversorgung etwas erreichen wollen, müssen diese Länder miteinander an einem Tisch sitzen. Sanktionen und Kriege haben nur selten zu einem Miteinander auf Augenhöhe geführt.

Du bist selbst viel in der Welt unterwegs gewesen. Was kann Reisen dazu beitragen, andere Gesellschaften besser zu verstehen und Vorurteile abzubauen?
Sehr viel, aber es hängt auch von unserem eigenen Verhalten ab. Wer nur durch ein Land hetzt, um die Highlights abzuhaken, wird wenig mitnehmen. Wer hingegen mit Zeit und Muße reist, zuhört und sich den Menschen vor Ort, ihren Problemen und Fragen öffnet, nimmt etwas mit – nicht nur auf der Speicherkarte einer Kamera, sondern vor allem im Herzen und in der Seele.
Fernreisen haben allerdings auch einen ökologischen Preis. Wie bringst du diesen Widerspruch mit deiner Leidenschaft fürs Reisen zusammen?
Was wäre aus einem armen Land wie Nepal ohne Tourismus geworden? Über die Jahrzehnte durfte ich dort viele wunderbare Projekte, Entwicklungen und Veränderungen miterleben.
Dass es gleichzeitig völlig kranke Auswüchse gibt, wie wir sie am Mount Everest beobachten, steht außer Frage. Diese Entwicklung tut mir als Mensch und Bergsteiger weh. Aber wir dürfen nicht nur die negativen Seiten sehen, sondern müssen auch all das Positive wahrnehmen, das Tourismus ermöglicht.
Persönliche Begegnungen sind entscheidend. Manche politische Konstellation habe ich nach einer Reise in die betroffene Region ganz anders gesehen als zuvor. Es gibt keine Alternative zum offenen, ehrlichen und respektvollen Gespräch.

Kommen wir zurück zu den Bergen: Im kommenden Jahr wirst du für TOP MOUNTAIN TOURS eine Reise nach Ladakh leiten. Was macht diese Region für dich so besonders?
Es gibt eine Region auf der Erde, die mich seit fast 45 Jahren magisch anzieht und mich fotografisch jedes Mal aufs Neue begeistert: Indien und ganz besonders Ladakh.
Es ist die Kombination aus einer abstrakten, reduzierten und grafisch unglaublich schönen Landschaft, den Menschen dort oben, den Klöstern und einer Religion und Kultur, die noch immer gelebt wird. Ich freue mich schon jetzt sehr auf diese Reise – es wird meine 14. Reise nach Ladakh sein.
Was macht dir angesichts der Herausforderungen unserer Zeit Hoffnung, wenn du auf die nächste Generation blickst?
Dass immer mehr junge Menschen aus der Generation unserer Tochter Werte wie Bescheidenheit, Verzicht, Toleranz und ein Leben im Miteinander wiederentdecken. Sie verstehen diese Werte und beispielsweise auch eine gesunde, in ihrem Fall vegetarische Ernährung als Bereicherung und nicht als Einschränkung. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

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